Zuhause duftet

Text, Fotos: Manuela Klause-Klaaßen

 

 

„Kartoffeln sind Schweinefutter“ ruft Opa mir vom Sofa zu. „Zuhause gab es nur Klöße!“ Das ist jetzt 70 Jahre her. Da war er 10 Jahre alt, rechne ich leise nach. Zuhause. Er meint das Sudetenland. Ich habe ihn früher oft mit meiner Uroma in seinem Heimatdialekt sprechen hören. „Opa, wie war es denn Zuhause?“ frage ich ihn. Opa erzählt mir von seinem Dorf, seiner Familie und das seine Eltern eine Apfelplantage, einen kleinen Bauernhof bewirtschafteten. Er ist nach der Enteignung oft hingefahren.

Zuhause. Vor 70 Jahren und heute noch.

"Wir sollten schnell packen" spricht Opa weiter. "Wir kamen in Deutschland an mit ein paar Taschen und mussten uns mit ein paar anderen Vertriebenen eine kleine Dachkammer teilen. Da stand nichts drin. Kein Bett. Kein Schrank. Wir haben uns bei einem Bauern einwenig Stroh erbettelt und uns daraus Betten gebaut. Dann kam ich in die Dorfschule. Ich musste mich immer mehr anstrengen als die anderen, sonst wäre Feierabend gewesen in der 8. Klasse. Die haben gesagt das reicht doch für `nen Nichtdeutschen. Ich wollte aber studieren!"

 

Eine Woche später sitze ich mit meiner Tochter und ihrer Freundin am Esstisch und frage die Freundin, was denn ihr Bruder gerade macht. Sie erzählt, dass ihr Bruder mit der Oma zu den Flüchtlingen gegangen ist, um ihnen Kleidung und Apfelkuchen zu bringen. „Oh, dass ist ja toll!“ sage ich und frage, warum sie nicht mitgegangen ist. „Ach, weil die bestimmt stinken“ antwortet sie entfernt. Ich muss Worte finden, dass Mädchen ist erst 8 Jahre alt. Ja, denke ich, das kann gut sein, wenn ich von Zuhause weg und meine Oma da lassen müsste, weil sie Zuhause sterben möchte, dann unter Todesangst in ein fremdes Land flüchten würde, in dem ich nicht willkommen bin und mir dann eine Dusche mit 100 anderen Leuten teilen müsste, dann würde ich auch sehr lange stinken. Mir würde alles stinken.

„Niemand möchte weg von Zuhause um zu stinken“ sagt meine Tochter. Das stimmt.

Zuhause stinkt nicht.

Zuhause duftet.

Nach frisch gebackenem Apfelkuchen und warmem Regen.

"Madame et Monsieur Pèpin de Pomme": Zuhause...Geborgenheit, Wärme und gemeinsame Errinnerungen.

Refugees Welcome!

Nachdenkliche Grüße,

Eure Ela

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Kommentare: 4
  • #1

    Lady Susan T. (Donnerstag, 03 September 2015 08:44)

    Liebe Ela!
    Sehr schön geschrieben und ganz toll von Deiner Tochter geantwortet!!!! Ein tolles Mädchen hast Du da!
    Ich habe am WE mit meinen Schwiegereltern einen 2-Teiler über die Vertreibungen im 3. Reich gesehen und wurde gedanklich noch einmal aufgerüttelt. Denn bei meinen Schwiegereltern sind damals ( sie waren noch Kinder) Flüchtlinge untergekommen. Und sie erzählten davon.... Heute kaum mehr vorstellbar, dass wir uns fremde Menschen ins Haus holen um ihnen ein Dach über dem Kopf zu bieten. Deshalb halte ich es für um so wichtiger wenigstens mit dem zu helfen was man kann. Spenden, aber auch vor Ort mithelfen und vor allem den Menschen immer freundlich zu begegnen.
    Ebenfalls sehr nachdenkliche Grüße Sanne

  • #2

    alex (Freitag, 04 September 2015 13:23)

    Deine Kleine hat instinktiv eine tolle Antwort gefunden. Und der andere kleinen kann man es auch nicht verübeln, ihr geht es "hoffentlich" zu gut, daß sie jemals stinken musste, Die Omma hätte sagen sollen "Deshalb gehen wir dahin, wir bringen Seife und essen und helfen den Menschen damit." Aufklärung ist einfach wichtig. L.g Alex

  • #3

    Ela (Freitag, 04 September 2015 21:20)

    Liebe Sanne, vielen Dank! Das ist wirklich der Hammer, wenn ich so darüber nachdenke...wie weit wir uns von der Menschlichkeit entfernt haben...jemanden in seinem Haus aufnehmen...jetzt bin ich noch nachdenklicher...vielen Dank dafür!

    Liebe Alex, danke Dir! Da hast Du Recht, das ist mir auch total wichtig, besonders das Nele mitbekommt was los ist.

    Liebe Grüße,
    Ela

  • #4

    Constanze (Sonntag, 06 September 2015)

    Ja, das macht nachdenklich und ein bisschen traurig.
    Heimat verloren, Familie Freunde verloren und leider oft auch die Würde verloren.
    Meine Großeltern mussten auch fliehen (wenn auch nur aus einem anderen Teil von Deutschland).
    Aber freundlich Menschen, die Fremde willkommen heißen sorgen dafür, dass man sich auch fernab der Heimat zuhause fühlen kann.
    Denn irgendwann ist jeder mal irgendwo ein Fremder.

    Und der Apfel mit den lieblichen Kernen ist einfach so süß und macht ein bisschen warm ums Herz. Also quasi wie ein kalorienarmer Apfelkuchen :)