Sonntag 28. Juni 2015

Armes Ich

Fotos, Text: Manuela Klause-Klaaßen

 

 

Prost erstmal!

 

Kennt Ihr das, wenn Ihr auf einem Konzert seid und das Publikum singt jeden Song laut mit? Oder im Stadion, wenn Ihr gemeinsam mit tausend anderen rumbrüllt wie ´ne alte Pottsau? Ich finde das herrlich und ich bin jedesmal gerührt. Ich bin total ergriffen, wie wildfremde Menschen zu einer Einheit werden. Alle sind dann gleich. Ein wunderbarer Moment. Und so selten. Zum Beispiel so: https://www.youtube.com/watch?v=0jPBVK0OlPQ

 

Immer wenn ich zum Supermarkt gehe, steht davor eine junge Frau aus Romänien, mit einem Pappschild um den Hals und einem Becher in der Hand. Ich habe ihr schon oft Geld in diesen Becher getan und sie hat sich immer mit einem Lächeln und einem Handkuss bedankt. Ich habe mich gefreut, das sie sich so gefreut hat. Vor ein paar Monaten habe ich angefangen für sie miteinzukaufen, Brot, Gemüse, Obst, Schokolade, einen ganzen Beutel voll. Sie freut sich jedesmal wie verrückt und küßt meine Hand. Eigentlich wollte ich ihr nur was Gutes tun, doch dann schlich sich bei mir ein Gefühl der Genugtuung ein, ich habe jemandem in Not geholfen, was bin ich nur für ein toller Mensch, ach was geht es mir doch gut.... Dann fühle ich mich total schäbig.

 

Meine Tochter hat ihr vor ein paar Tagen eine Tüte Äpfel geschenkt und die Frau hat sie umarmt und sie "Prinzipessa" genannt. Nele hat sich den ganzen Weg nicht mehr eingekriegt und mein Hals schnürte sich immer mehr zu. 

 

Wenn ich sie nun vor dem Supermarkt sehe bin ich erstmal genervt, ich möchte nicht jedesmal durch sie daran errinnert werden, dass es mir so gut geht, weil es ihr schlecht geht. Weil es so Vielen auf der Welt schlecht geht. Und dann noch als Gönner aufspielen...tsss...widerliches Ich. Ich bin genervt, unglaublich oder? Armes Ich.


Ich habe in dieser Woche Volker Pispers bis zum Abwinken gehört und der Mann hat so erschauerlich Recht: https://www.youtube.com/watch?v=lWKR7tN1Stc

 

Und nun, was machen wir jetzt? Weniger konsumieren? Anderen etwas vom Kuchen abgeben? Und wie?

Äh ja...wobei mir gerade einfällt das ich hier einen Online-Shop betreibe :)

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Kommentare: 3
  • #1

    Julia (Montag, 29 Juni 2015 07:43)

    Ich denke, dass du richtig handelst indem du der Dame etwas mitbringst. Sie wird bestimmt nicht denken, du machst das nur um dich besser zu fühlen, sondern sie wird dankbar sein. Ich bringe auch einem jungen Mann immer etwas zu essen mit, wenn ich ihn mal wieder vor meinem Supermarkt sehe. Stell dir vor jeder würde sich schäbig fühlen, wenn er einem hilfsbedürftigen Menschen hilft. Was wäre dann? Manch einer spendet anonym monatlich 5 € nach Afrika oder weiß ich wohin. Wir helfen einfach nur ein paar Menschen direkt in unser unmittelbaren Nähe. Außerdem glaube ich, dass du dadurch für deine Tochter ein Vorbild bist, nämlich das man teilt, etwas vom Kuchen abgibt...
    Liebe Grüße Julia

  • #2

    Ela (Dienstag, 30 Juni 2015 08:36)

    Liebe Julia, da hast Du schon Recht. Auf der anderen Seite finde ich es eben nicht gut, wenn man ab und zu was spendet und an sonsten doch sehr ressourcenverschwendend lebt. Ich danke Dir sehr für Deinen Kommentar!
    Liebe Grüße, Ela

  • #3

    Lady Susan T. (Dienstag, 30 Juni 2015 19:13)

    Liebe Ela!
    Einsehe schwieriges Thema, dass Du da ansprichst. Denn ich gebe zu bei dem vielen Elend dieser Welt, was ich ja zwangsläufig immer wieder sehe ist sehr schwer ein entsprechendes Maß zu finden, wem man wann hilft und mit wieviel. Ich habe mich dazu entschlossen die sos-Kinderdörfer zu unterstützen, allerdings ohne eine Patenschaft zu übernehmen. Werde aber in Zukunft das Geld halbieren und die andere Hälfte der Help-Alliance ( von Lufthansa-Kollegen gegründet und begleitet) zukommen lassen. In Hamburg habe ich seinerzeit den Obdachlosen bei unserem Ikea immer unterstützt, denn er hat die Obdachlosenzeitung verkauft und auch mal beim einladen mit angefasst.
    Deine Art zu helfen mache ich auch ab zu, in Indien den Kindern was zu essen geben, oder aber auch sonst wo auf dieser Welt. allerdings musste ich Jobbedingt sehr schnell lernen, dass ich nicht allen helfen kann und musste so für mich einen Weg finden der mir am Ende auch gut tut. Es nach wie vor Schlimm mit dem Bus an den Slums vorbei zu fahren, besonders in Ländern in denen es auch sehr kalte Winter gibt, doch irgendwie muss ich ja auch mein Leben leben.... In diesem Sinne Dir einen schönen Abend und toll welch ein Vorbild Du für Deine Lütte bist!!!
    LG Sanne