Sonntag 7. Juni 2015

Ist das peinlich!

Text, Fotos: Manuela Klause-Klaaßen

Prost erstmal!

 

Peinlichkeit, Dein Name ist meiner! Aber wirklich! Meine siebenjährige Tochter hatte eine Freundin zu Besuch, welche am Abend von ihrer Mutter abgeholt wurde. Wir standen alle, auch mein Mann, fröhlich, die Kinder überdreht und leicht hysterisch in unserem Flur zur Verabschiedungszeremonie, als mein kleines Herzilein anfängt zu singen: " Scheide an Penis, Scheide an Penis....trallala". Wir lächelten das doofe Lied weg, tsss...wissentlich, dass es von den Jungs aus der Schule stammt und sowas nun mal dazugehört und wieder vorbei geht.

Ähem.

UND DANN SAGT SIE: "Scheide an Penis, meine Eltern machen das gerne...hat meine Mutter gesagt."

Ahhhhhhhhhhhh!

Höhle...wo ist nur `ne verdammte Höhle wenn man sie mal braucht? Zur Not auch Hölle, Hauptsache wech!

Die Kinder schauten uns interessiert an, wir anderen gingen geistig jeder irgendwo hin, unsere Blicke trafen sich am Boden. Und dann höre ich mich mit knallrot witzeln: "Hahaha, die Ossis wieder!"

Perfekt!

Mein Mann war komplett weggetreten, ich dachte der kippt um.

 

Tja, und wie kommt mein Kind nun darauf? Jaa, weil die Mama ja Erziehungswissenschaftlerin ist und das Kind ein paar Tage davor nach Hause kam und davon redete das Penis an Scheide eklig ist. Das musste natürlich richtig gestellt und enttabuisiert werden. Ganz drucksfrei. Tolle Idee war das!

Also habe ich ihr gesagt, dass das nicht eklig ist. Darauf hat mich meine Tochter gefragt, ob Mama und Papa das auch machen und dann hab ich ja gesagt und fertig. Den Rest wollte ich ihr dann erklären wenn sie 12, 13 oder 14 ist. Das hat sich jetzt erledigt, soll die doch nachlesen!

Den Traumfänger habe ich aus einem Lampenschirm und alten Feinstrumpfhosen

gebaut :)

M...wie müde...

Das war das Peinlichste was mir je passiert ist und ich kann mich an einige unschöne Situationen errinnern.

 

Meine Lieblingsgeschichte ist diese:

Drei Tage nach der Einschulung meiner Tochter, wurde ich auf der Treppe von ihrer Klassenlehrerin darauf angesprochen, dass mein Kind mehr Frühstück bräuchte und ich ihr bitte mehr einpacken möge. Da höre ich mich wieder reden: " Ach, sie isst immer viel wenn ihr langweilig ist!"

Bingo!

Ich habe eh `ne Lehrersperre, sobald einer vor mir steht fang ich an zu stammeln und es wird unumgänglich peinlich.

In ´nem Elterngespräch mit der Klassenlehrerin habe ich bei irgend einem Thema angemerkt, dass ich auch Pädagogin sei. Worauf sie mich dann fragte ob ich auch Lehrerin bin und ich voller Inbrunst: "Neiiiiiiiiinnnnnn (Umgotteswillen)!!! Ich bin ErziehungsWISSENSCHAFTLERIN!" ausrief.

Punkte!

 

Schön war auch, als ich zu unserem DHL-Mann, der gerade einen superschweren Bilderrahmen zu mir hochschleppte, sagte: "Ach, hihi, da sparen sie sich aber den Sport was?"

Grrrr!

 

In der FAZ vom 11.02.2012 hat Prof. Hans Ulrich Gumbrecht in seinem Artikel "Ob Peinlichkeit eine (deutsche) Tugend ist" geschrieben:

"Peinlich wird uns etwas nur im direkten (oder im vorgestellten) Blick des anderen. Und dieses "Etwas" ist kaum je eine Absicht, eine Eigenschaft oder auch eine Schwäche, die uns bewußt werden, sondern ein von den anderen wahrgenommenes Detail von Unangemessenheit in einer sozialen Situation, ein Detail, mit dessen Existenz oder wenigstens dessen Wahrnehmung wir nicht gerechnet haben."*

 

Das bedeutet, dass Diejenigen, die sich gut in andere hineinversetzen können, ihr Gegenüber gut beobachten und sich zu ihm ins Verhältnis setzen, in einem größerem Maße an peinlichen Situationen leiden bzw. die Peinlichkeit überhaupt wahrnehmen, als eben Menschen die dies nicht tun.

 

Herr Gumbrecht schreibt dazu an einer anderen Stelle: "Auf immer erspart bleibt Peinlichkeit eigentlich nur einem einzigen (allerdings weit verbreiteten) Menschen-Typ- und zwar denen, die nicht imstande sind, sich selbst in den Augen der anderen vorzustellen. Für sie treibt eine auf Konvergenzkurs zu haltene Dynamik aus Selbstwahrnehmung und hinreichend gutem Gewissen den kompakten Panzer an, in dem sie durch die Gesellschaft rollen."*

 

Auf www.wissen.de habe ich sehr aufschlußreiche Synonyme für "peinlich" gefunden:

  1. unangenehm, beschämend, in Verlegenheit bringend, genierlich, genant, heikel, unerfreulich, unerquicklich, fatal, prekär, misslich, ungut, blamabel, unangebracht, fehl am Platz; ugs.: blöd, dumm
  2. gewissenhaft, gründlich, genau, exakt, penibel, präzis, akkurat, sorgfältig, ordentlich, sorgsam, pflichtbewusst, pflichtgetreu, verantwortungsbewusst **

 

Tja, eigentlich geht Punkt 1 also an mein Gegenüber und Punkt 2 an mich. Na deeeenn, was geht mich fremdes Elend an ;).

Ich bin also peinlich, im Sinne von GRÜNDLICH, GENAU, VERANTWORTUNGSBEWUSST und SORGFÄLTIG...läuft!

 

Na, habt ihr Ähnliches erlebt? Immer her mit den Stories!

 

 

Quellen:

*   http://blogs.faz.net/digital/2012/02/11/ob-peinlichkeit-eine-deutsche-tugend-ist-52/

** http://www.wissen.de/synonym/peinlich


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Kommentare: 6
  • #1

    Julia (mammilade) (Sonntag, 07 Juni 2015 12:42)

    Liebe Ela,

    das hätte auch ich sein können...
    Manchmal schraube ich mir auch spontan-peinliche Dinge raus...
    Ich könnte dann immer noch Tage später im Erdboden versinken...
    Kürzlich jammerte ich ausschweifend in der Gegenwart von zwei Bekannten, die beide an Narkolepsi leiden, über meine (kinder- und erkältungsbedingte) Dauermüdigkeit... Und je mehr mir das Dilemma bewusst wurde, desto schlimmer quasselte ich mich in die Situation hinein...
    DIE mögen mich jetzt garantiert nicht mehr... ;)))

    LG Julia

  • #2

    Ela (Sonntag, 07 Juni 2015 20:05)

    Ja genau das meine ich liebe Julia! Solche Geschichten...kommt eben, wenn man so gesprächig und offen ist. Aber da man ja nur sich selbst im anderen sieht und das Gegenüber einen ganz anders wahrnimmt, ist es ja gar nicht so schlimm. Die werden Dich definitiv noch mögen :)

    Liebe Grüße, Ela

  • #3

    Sammy (Montag, 08 Juni 2015 11:04)

    Hahahaaaaaa, herrlich ;))) Ihr beiden, Ela und Julia ;) Und Kinder sind halt so, gell... Meine Mutter erzählt Jahre später noch davon, wie mein kleiner Bruder mal die Türe öffnete über den Eismann sagte: Mama, komm mal, da steht so ein ganz dicker Mann ;)

  • #4

    Andrea (Montag, 08 Juni 2015 22:06)

    Vielen Dank für den Holunder!

  • #5

    Ela (Dienstag, 09 Juni 2015 08:28)

    :) Der ist auch gut liebe Sammy! Und ja, Kinder sind so...auch die großen :)

  • #6

    Ela (Dienstag, 09 Juni 2015 08:28)

    Sehr gerne Andrea!